Großprojekt am Kilimandscharo

Blog-Beitrag zum Deutschen Umweltpreis

KomplexitĂ€t auf ĂŒberschaubarem Raum: Warum der höchste Berg Afrikas ein GlĂŒcksfall fĂŒr die Makroökologie-Forschung ist.

Kilimandscharo, Mrsusunga-Wald. Foto: © Claudia Hemp

Wie erforscht man, ob der Klimawandel oder eine verĂ€nderte Landnutzung sich auf Tier- und Pflanzengemeinschaften auswirken und welchen Einfluss dies auf die Funktion von Ökosystemen hat? Als Pionierin der Makroökologie untersucht die UmweltpreistrĂ€gerin Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese derartige Prozesse sowohl in den gemĂ€ĂŸigten Breiten als auch in den Tropen. Sie und ihr Team nutzen eine Vielzahl von Methoden wie Feldbeobachtungen, Telemetrie, Computersimulationen, statistische Verfahren und Analysen, betrachten geographische Ausbreitung, Artenvielfalt und Populationsdynamik. Ein Ort, der fĂŒr eine derartige Forschung besonders gĂŒnstig ist, ist das Kilimandscharo-Massiv in Kenia und Tansania.

„Von den Savannen bis zum Gipfel mit dem ewigen Eis hat man einen Umweltgradienten, wie man ihn sonst hĂ€tte, wenn man von Tansania nach Nordnorwegen reisen wĂŒrde“, beschreibt Böhning-Gaese. An dem Bergmassiv finden sich die verschiedensten Habitattypen und LebensrĂ€ume: kommerziellen Kaffeeplantagen und bewirtschafteten AgroforstflĂ€chen stehen BergregenwĂ€ldern und dem Nationalpark gegenĂŒber. In den höheren Regionen finden sich Busch- und alpine Heidelandschaften. Hinzu kommen verschiedene gesellschaftliche Gruppen von den Massai, die Rinderhirten sind, ĂŒber Ackerbauern bis hin zu internationalen Touristen sowie den Nationalparkmanagern und -rangern.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in einer Forschungsgruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zusammenarbeiten, spiegeln diese Vielfalt wider. Neben Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern arbeiten eine Nachhaltigkeitsforscherin, ein Politikwissenschaftler und eine Volkswirtin an zwei grundsĂ€tzlichen Fragen: Wie verĂ€ndern die Menschen die Natur? Und wie beeinflusst die Natur das Leben der Menschen? Insgesamt sind Forschende von fĂŒnfzehn UniversitĂ€ten und Forschungseinrichtungen aus Deutschland, der Schweiz und Tansania beteiligt.

Die subalpine Zone am Kilimandscharo. Foto: © Claudia Hemp

„Mensch und Natur sind verflochtene Systeme“

Ein Ergebnis der langjĂ€hrigen Arbeit am Kilimandscharo wurde inzwischen in der Zeitschrift Nature publiziert: Es zeigte sich, dass sich die Stressfaktoren Klima- und Landnutzungswandel in ihrer Wirkung auf BiodiversitĂ€t und Ökosystemfunktionen verstĂ€rken: Dort, wo das Klima extrem ist, wirkt sich auch der Landnutzungswandel verstĂ€rkt aus. Solche Erkenntnisse sollen helfen, eine nachhaltige Entwicklung vor Ort zu fördern – nicht nur zum Schutz der Natur, sondern auch zum Wohlergehen der Menschen.

 â€žMensch und Natur sind verflochtene Systeme“, betont Böhning-Gaese. „Wenn wir eine nachhaltige Beziehung von Mensch und Natur erreichen möchten, reicht es nicht, wenn nur wir als Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler daran forschen. Wir mĂŒssen das gesamte sozialökologische System verstehen.“ In zukĂŒnftigen Projekten will sie daher ihren interdisziplinĂ€ren Ansatz noch ausweiten und auch mit Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sowie KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstlern zusammenarbeiten.

Museen als Orte des Dialoges

Auch in ihrer Funktion als Institutsdirektorin des Senckenberg BiodiversitĂ€t und Klima Forschungszentrums und als Direktoriumsmitglied der Senckenberg Gesellschaft fĂŒr Naturforschung zustĂ€ndig fĂŒr das Programm „Wissenschaft & Gesellschaft“ sind der UmweltpreistrĂ€gerin Zusammenarbeit und gegenseitiger Austausch wichtig. So versteht sie beispielsweise die Senckenberg Museen als Orte des Dialoges, in denen Wissen nicht nur anschaulich vermittelt, sondern wo auch ĂŒber wissenschaftliche Ergebnisse und unsere gesellschaftlichen Ziele fĂŒr die Zukunft diskutiert wird. „Wir können die Ausstellungen und Formate im Museum nutzen, um die Menschen nicht nur ĂŒber den Kopf, sondern auch ĂŒber das Herz zu erreichen. Noch wichtiger ist, mit den Menschen zu diskutieren. Die gesellschaftlichen Transformationen, die fĂŒr eine nachhaltige Beziehung von Menschen und Natur notwendig sind, erreichen wir nur gemeinsam.“

Text: Verena Menz, Titelbild: © Canva, Foto unten: © Andreas Hemp