Das Bauen neu denken – Wo Wandel Tradition hat

Mit ihrem Holzbau-Unternehmen Baufritz leistet Dagmar Fritz-Kramer, die TrĂ€gerin des Deutschen Umweltpreises 2023, einen Beitrag zur Bauwende und setzt mit neuen Konzepten und Projekten Zeichen. Schon ihre Vorfahren zeigten Einfallsreichtum und Mut. Neue Ideen zu haben, liegt offensichtlich in der Familie – und formte den Familienbetrieb.

Angefangen hat alles 1896. Dagmar Fritz-Kramers Urgroßvater Sylvester wagte damals mit seinen Mannen (Frauen waren tatsĂ€chlich nicht dabei) den ersten Spatenstich fĂŒr eine BetriebsgrĂŒndung. Seitdem ist aus einer klassischen Landzimmerei im beschaulichen Erkheim im AllgĂ€u in nun vierter Generation der mittelstĂ€ndische Fertigholzhaus-Betrieb Bau-Fritz GmbH & Co. KG, kurz Baufritz, gewachsen. Noch mehr: Er hat sich bundesweit zum Motor einer Branche gemausert, wurde zur Inspiration fĂŒr eine Bauwende – im Zeichen von mehr Klima- und Ressourcenschutz und mit einem Repertoire von Neubauten ĂŒber Sanierungen bis zu Aufstockungen.

Der Anfang: Das historische Foto zeigt FirmengrĂŒnder Sylvester Fritz (sitzend, links) mit seinen Mitarbeitern beim ersten Spatenstich fĂŒr den AllgĂ€uer Familienbetrieb, der 1896 in Erkheim als klassische Landzimmerei startete und nun Bau-Fritz GmbH & Co. KG heißt. Foto: Baufritz

Ein Schwarz-Weiß-Foto dokumentiert den magischen Moment

Die MĂ€nner schauen stoisch in die Kamera. Die Gesichter ernst, aber auch geprĂ€gt von Entschlossenheit. Manche tragen Hut, andere SchlĂ€germĂŒtzen, teils keck auf dem Kopf. Einige halten ihre Werkzeuge in der Hand, alle haben sich in Schale geworfen fĂŒr diesen großen Augenblick. Zwei sitzen. Einer davon ist Sylvester Fritz, in der Linken eine Urkunde. Er ist, wenn man so will, der Chef vom Ganzen. Und das Schwarz-Weiß-Foto Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert einen magischen Moment. Es ist der Beginn der Bau-Fritz GmbH & Co. KG, wie das Unternehmen mittlerweile heißt – und einer Betriebsgeschichte, die im Laufe von vier Generationen und nach vielen Auszeichnungen in den vergangenen Jahren jetzt, man darf sagen: einen weiteren Höhepunkt erlebt. Denn am 29. Oktober wird in LĂŒbeck das, was die rund 500 Baufritz-Mitarbeitenden unter der GeschĂ€ftsfĂŒhrung von Sylvester Fritz‘ Urenkelin Dagmar Fritz-Kramer durch energieeffizientes und ökologisches Bauen mit Holz fĂŒr Umweltschutz auf den Weg gebracht haben, mit dem Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gewĂŒrdigt – mit insgesamt 500.000 Euro eine der höchstdotierten Umweltauszeichnungen Europas.

Per Autobahntunnel ĂŒbers BetriebsgelĂ€nde

Der Trenchcoat flattert im Wind. Wer Dagmar Fritz-Kramer beim Gang ĂŒbers Baufritz-BetriebsgelĂ€nde folgen will, muss sich sputen. Bei der GrĂ¶ĂŸe des Firmenareals ist das aber auch kein Wunder. Rund zwölf Hektar umfasst die FlĂ€che – VerwaltungsgebĂ€ude, MusterhĂ€user, einen veritablen fĂŒnfgeschossigen Holzkopfbau, Produktionshallen. Um von einem zum anderen Ende zu gelangen, ist ein Tunnel unter der Autobahn A 96 zu durchqueren. Möglich wurde eine solche Ausdehnung durch den Firmensitz in Erkheim. Das 3000-Einwohner-StĂ€dtchen im AllgĂ€u – die Einheimischen sprechen auch von der „Marktgemeinde“ Erkheim, weil der Ort 1906 Marktrecht erhielt – hat die Erweiterung unterstĂŒtzt. Andernorts wĂ€ren mittelstĂ€ndische Firmen vermutlich froh ĂŒber solche Optionen.

SchildersprĂŒche wie ein Philosophenpfad

Der Weg zu den Fertigungshallen wirkt wie ein Philosophenpfad, an dessen Rand Schilder mit SprĂŒchen platziert sind. Sie regen zum Nachdenken an, verraten zugleich etwas von der Firmen-DNA dieses Familienbetriebs: „Egal was Du tust, tu es mit ganzem Herzen“, heißt es etwa. Ein anderes Schild lautet: „Im Wandel liegt die BestĂ€ndigkeit“. Und zum Beispiel: „Verantwortlich ist man nicht nur fĂŒr das, was man tut, sondern auch fĂŒr das, was man nicht tut“ oder: „Optimismus bedeutet, in jeder Schwierigkeit eine Gelegenheit zu sehen.“ Die Entschlossenheit der ersten Stunde in den Gesichtern der MĂ€nner um Sylvester Fritz ist auch heute geblieben; Beharrlichkeit, KreativitĂ€t, die Sorge um den Einklang mit Gesundheit, Umwelt und Natur wurden zu Baufritz-Markenzeichen – ebenso wie die mehr als 40 Patente und Schutzrechte im Fertigholzbau. Von Beginn an geblieben ist vor allem auch: Holz und insbesondere heimisches Fichtenholz als zentraler Baustoff – ein KlimaschĂŒtzer par excellence. Denn Holz zĂ€hlt zu den wenigen Rohstoffen, die nicht nur nachwachsen und der AtmosphĂ€re dabei klimaschĂ€dliches Kohlendioxid (CO2) entziehen, sondern ĂŒberdies noch den darin enthaltenen Kohlenstoff langfristig speichern.

Auf fĂŒnf Etagen reckt sich ein Holzkopf in den blauen Himmel

Mit Wille, Weitsicht und Wagemut haben GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Dagmar Fritz-Kramer (Bild) und ihr AllgĂ€uer Familienbetrieb Bau-Fritz GmbH & Co. KG den Weg fĂŒr mehr Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz durch die Verwendung des Baustoffes Holz geebnet. Am Firmensitz in Erkheim hilft die Untertunnelung der Autobahn A 96, um von einem zum anderen Ende des BetriebsgelĂ€ndes zu gelangen. Foto: Jongebloed | DBU

Sinnbildlich fĂŒr neue Ideen und Durchhaltekraft steht in Sichtweite des Philosophenpfades ein HolzgebĂ€ude in Kopfform, das sich ĂŒber fĂŒnf Etagen in den blauen Himmel reckt. „Das ist gewissermaßen ein Think Tank fĂŒr Architekten“, sagt Fritz-Kramer. „Auch externe Fachleute werden eingeladen.“ Kluge Köpfe rauchen ebenso im Baufritz-PlanungsbĂŒro, Arbeitsplatz der Bauzeichnerinnen und Bauzeichner und dem Pendant zum Holzkopf-Think Tank. „Alle HĂ€user und Bauteile werden digital gezeichnet“, erlĂ€utert die Baufritz-GeschĂ€ftsfĂŒhrerin. „Und die Zeichnungen der Architekten werden in vorfertigbare Teile zerlegt.“ NĂŒtzlich etwa bei der Sanierung von GebĂ€udebestand sind 3-D-Modelle, die unter anderem mithilfe von Drohnen erstellt werden. Daraus entstehen sogenannte digitale Zwillinge fĂŒr Bauteile, die ĂŒber die Bestandsbauten gestĂŒlpt werden können – und so fĂŒr mehr DĂ€mmung und Energieeffizienz sorgen. Fritz-Kramer: „Wir packen ein bestehendes Haus ein, wie einst KĂŒnstler Christo. Aber eben nicht mit Folie, sondern mit Holzbauteilen aus DĂ€chern, Decken und WĂ€nden.“ Die Bauwelt werde immer digitaler. Eigentlich. Denn beim Stichwort „Digitalisierung“ rollt die Diplom-Ingenieurin mit den Augen und ist zuweilen der Verzweiflung nahe: „Digitale BauantrĂ€ge sind zum Beispiel in Großbritannien seit Jahren gang und gĂ€be.“ In Deutschland: Fehlanzeige. „Hier hantieren wir noch mit Mappen“, so Fritz-Kramer.

„Wir können nicht so weitermachen wie bisher“

Als die 52-JĂ€hrige anhand eines kleinen Holzmodells, in der Rechten ein Dachteil und in der Linken eine GebĂ€udehĂŒlle, das Christo-Prinzip von Baufritz erklĂ€rt, wird sie grundsĂ€tzlich und redet dabei der eigenen Branche ins Gewissen. So mancher Spruch am „Philosophenpfad“ ergibt da plötzlich einen tieferen Sinn. „Wir können nicht so weitermachen wie bisher“, beginnt sie. Der Deutsche Umweltpreis der DBU sei auch deshalb „so wertvoll, weil er ein Schlaglicht auf ein enorm wichtiges Thema wirft“ – inmitten von Klimakrise, Energiewende, Russlands Krieg gegen die Ukraine und den damit einhergehenden Sorgen um Energiesicherheit. Fritz-Kramer: „Wir wĂŒrden eine erhebliche CO2-Reduzierung schaffen, wenn wir uns endlich trauen, das Bauen neu zu denken – sowohl beim Umgang mit Ressourcen als auch mit dem alten GebĂ€udebestand hierzulande.“

Worst performing buildings: ein SchlĂŒssel zum Erreichen von WĂ€rme- und Energiewende

Der Baufritz-GeschĂ€ftsfĂŒhrerin geht es dabei nicht allein um den riesigen MĂŒllberg, den die Bauindustrie durch Verschnitt, Abriss und Umbau Jahr fĂŒr Jahr in Deutschland verursacht. Vielmehr: Von den rund 21,4 Millionen GebĂ€uden in Deutschland, die laut Umweltbundesamt zu 40 Prozent der bundesweit jĂ€hrlich rund 746 Millionen Tonnen Emissionen klimaschĂ€dlicher Treibhausgase beitragen, gehören fast zwei Drittel zum alten Eisen. Fachleute sprechen wenig schmeichelhaft von den „worst performing buildings“ – dem grĂ¶ĂŸten und zugleich energetisch schlechtesten GebĂ€udebestand. Kaum DĂ€mmung, Energieschleudern, noch dazu oft gesundheitlich bedenklich fĂŒr den Menschen. Fritz-Kramer: „Ökologie, Nachhaltigkeit und vor allem Baubiologie waren in der nachkriegstypischen Bauweise Fremdworte.“ Die Branche habe allzu lange „aus dem Vollen geschöpft“, fĂ€hrt sie fort. Kies, Sand, fossile EnergietrĂ€ger wie Erdöl zur Styropor-DĂ€mmung: Alles schien im Überfluss vorhanden. Doch die Lage habe sich dramatisch verĂ€ndert, so Fritz-Kramer. Sand sei so rar, dass er mittlerweile aus dem Meer geholt werden mĂŒsse, auch die Kiesvorkommen gingen rasant zur Neige.

Eigene Abteilung Forschung und Entwicklung sowie mehr als zwei Dutzend Baubiologen

Trotz allem: Dagmar Fritz-Kramer, die mit ihrem Mann Klaus zwei Kinder hat, ist fest davon ĂŒberzeugt, „dass wir die WĂ€rme- und Bauwende packen können“. Dabei fĂŒhlt sie sich der Familientradition verpflichtet: Urgroßvater Sylvester legte mit Willen und Wagemut den Grundstein. Opa Johann kam auf die Idee, Hausteile statt auf der Baustelle in externen Hallen vorzufertigen. Und Vater Hubert, der ĂŒbrigens bei der Preisverleihung in LĂŒbeck dabei sein wird, hatte nach vielem TĂŒfteln den grandiosen Gedanken fĂŒr die mittlerweile patentierte Baufritz-DĂ€mmung aus HolzspĂ€nen, Soda und Molke. Fritz-Kramer, die nach einer Lehre das Abitur nachholte und anschließend studierte, setzt diesen Weg unbeirrt fort – unter anderem mit einer eigenen Abteilung Forschung und Entwicklung, aber auch mit mehr als zwei Dutzend Baubiologen im Betrieb und einem rigiden Zertifizierungsmechanismus, so dass Baustoffe auf gesundheitliche Unbedenklichkeit geprĂŒft werden können.

Holzbauinitiative der Bundesregierung will klimaneutrales Bauen fördern

Wenn die zweifache Mutter an die eigene Kindheit zurĂŒckdenkt, kommen ihr verschiedene Bilder in den Sinn: der KlĂ€rteich im Garten, Jute statt Plastik, eine Kompost-Toilette statt TrinkwasserspĂŒlung, Warmwasser mithilfe schwarzer SchlĂ€uche auf dem Dach. „Wir waren die Hardcore-Ökos im Dorf“, erinnert sich die 52-JĂ€hrige und lacht. Wie es mit der Nachfolge im Familienbetrieb weitergeht? „Das halten wir bewusst offen“, sagt die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin. „Mein Papa hat uns Kinder auch frei entfalten lassen.“ Dass Dagmar Fritz-Kramer und ihre 500 Mitarbeitenden mit ihrer Holzbau-Strategie offenbar ziemlich richtig liegen, hat auch die Politik erkannt: Im Sommer dieses Jahres brachte die Bundesregierung eine Holzbauinitiative mit acht Handlungsfeldern auf den Weg. Klimaneutrales Bauen sei möglich, hieß es. Holz solle kĂŒnftig eine wichtigere Rolle beim Klimaschutz spielen – und es sei leicht, vielfĂ€ltig einsetzbar, langlebig und wiederverwendbar.

Text: Klaus Jongebloed, Titelbild: Jongebloed/ DBU